Karlsruhe, Baukultur und Diskurs zum Bild der Stadt

Die ARCHITEKTURZEIT  2005 fand auf dem Gelände der Staatlichen Majolika Karlsruhe statt.

Bildinhalte, von links nach rechts:

Links: Detail Helmholtz- Gymnasium, Grünenwald + Heyl . Architekten,

Mitte: schematischer älterer Stadtgrundriss Karlsruhe,

Rechts: Detail casa lux und Haus AF4, Architekt H.R.Hiegel

Bildunterschift:

Der Stadtgrundriss Karlsruhe, in der Mitte abgebildet und künstlerisch verfremdet, soll auf die Bekanntheit des Karlsruher Stadtplans hinweisen.

Die beiden Aufnahmen von neueren Bauprojekten in Karlsruhe, bewusst sind Details ausgewählt worden, sollen Nähe, Vertrautheit, Alltäglichkeit und Berührbarkeit, aber auch das Bemühen um Qualität in Planung und Ausführung, bei Architekt und Handwerker, vermitteln.

Baukultur

 Eine grosse Anzahl Vereinigungen, Gruppen, Organisationen und Firmen präsentieren heuer auf Einladung der Kammer der Architekten eine Ausstellung am Ahaweg, in der Majolika. „einqmkultur”, so lautet der Titel der Präsentation anlässlich der ARCHITEKTURZEIT 2005. Sie versteht sich laut Mitteilung des Vorsitzenden Hubert Schmidtler als Karlsruher Beitrag zum 50. Geburtstag der Architektenkammer Baden-Württemberg und Tribut an die bundesweite Stiftungsinitiative „Baukultur“. Im Rahmen der Ausstellung soll eine eigene Karlsruher „Inititative Baukultur” ins Leben gerufen werden.

Die Initiatoren möchten mit Ihrer Aktion mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Bauen lenken, die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit schärfen und die Faszination für Architektur wecken. Die Bundesinitiative wird von den Parteien und zahlreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens getragen. Das Engagement Karlsuhe`s ruht daher auch auf dem Engagement interessierter Bürger, Unternehmen, der Geschäftswelt, Interessenverbände, Bürgerinitiativen, Bürgervereine, Schulen, kommunaler, öffentlicher und kultureller Einrichtungen. Alle sind aufgefordert sich – losgelöst und unabhängig von bestehenden Strukturen – in die Initiative einzubringen. Karlsruhe blickt auf ein reiches baukulturelles Erbe zurück. Sein einzigartiger Stadtgrundriss und seine Bauten sind weit bekannt. Was seit der Gründung der Stadt fasziniert wird auch in Zukunft attraktiv sein und die Entwicklung fördern, wenn alle verantwortungsvoll mit diesem Mehrwert umgehen.

Auch wenn die Kammergruppe Karlsruhe-Stadt als Veranstalter der ARCHITEKTURZEIT die Initiatorin ist, versteht sich die „Initiative Baukultur” nicht als Vertretung einer Interessengruppe oder gar eines Berufstandes. Vielmehr soll sie das Bewusstsein für den Wert einer qualitätsvoll gestalteten Umwelt auf allen gesellschaftlichen Ebenen stärken, Initiativgruppen zusammen fassen und vernetzen. Die Vorbereitungsgruppe ampuls ist ein Arbeitskreis, der sich den aktuellen Fragen von Städtebau und Architektur in Karlsruhe widmet. Seine Mitglieder, Hubert Baumstark, Winnie Breu, Berta Heyl, Klaus Fehrenbach, Peter Penner, Sabine Straßburg und Stephan Tschepella arbeiten ehrenamtlich und engagiert. Ihnen an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön. Welch weitreichend positiven Einfluss ein neues Anpacken des Themas Baukultur andernorts haben kann, zeigt das Beispiel Vorarlberg. Dort haben sich junge Architekten, Bauherren und Handwerker von etablierten Strukturen gelöst, eigene, zukunftsweisende Ziele formuliert, mit viel Überzeugungskraft und Freude an ihrer Arbeit eine Landschaft neu gestaltet. Vorarlberg hat sich dadurch in den letzten Jahren zu einem beliebten Reiseziel nicht nur aber auch für Architektur-Interessierte entwickelt. Traditionelle Bauweise wird hier kombiniert mit qualitätvoller moderner Architektur. Es gilt inzwischen als ein Zentrum der modernen Architektur in Europa. In keiner anderen Region entstehen – in enger Zusammenarbeit von innovativen Bauherren, kreativen Architekten und Handwerkern – so viele außergewöhnliche Neubauten. In Skandinavien und Italien gibt es das Fach „Architektur“ schon in der Grundschule, in Vorarlberg wird fast alltäglich in den Medien über Architektur diskutiert. Diese drei Regionen sind uns in Sachen Baukultur weit überlegen. Wir diskutieren mehr über Esskultur, Streitkultur oder gar Leitkultur, als über die Kultur unserer gebauten Umwelt, die uns täglich umgibt. Keine Polis in der City, statt dessen Hamburger Fischmarkt in Baden, Gaga, gerade mal 87 Luftballons, Event und Zapp-Kultur. Lesen will keine/r mehr, das Buch ist zu langsam. Michael, Ralph und mehrere ungezügelte Gigahertz. Hans Georg Gadamer ist tot. Kaum einer spricht mehr druckreif, keine meine feste Burg mehr und nicht Unser Vater oder Mutter.

Einwurf

Es mag nämlich so gesehen werden, daß die gegenwärtige Architekturdiskussion sich vielerorts weniger mit inneren Strukturen, Motiven und Themen beschäftigt, als daß sie sich im Kreis von modischen Ausführungen, vergänglichen Formalismen und blasigen, verschwommenen Zeichen dreht. Obwohl die Bedingungen elitärer Bemühungen als auch städtischer Realität sich seit dem Höhepunkt der Vulgär-Moderne drastisch geändert haben, wurden in den letzten Jahren wichtige neue Beiträge im Ansatz artikuliert und könnten entwickelt werden. Ist es denn der Mühe wert, in Richtung einer verschiedenartigen, aber konsensfähigen architektonischen Kultur weiterzugehen? In der Tat war es zuerst ein Diplomat, der eine tiefe Beschäftigung mit klassischer Architektur einführte, aber nur ein Architekt konnte danach das Wiederentdeckte auf- und weiterverarbeiten. Vielleicht wird nie wieder eine alte Welt auf dem fruchtbaren Grund einer neuen Welt wiedergeboren und initiiert dadurch ein Klima fruchtvollen intellektuellen Diskurses und einer Klärung, die über Generationen andauert. Dies würde in der Tat einer ungeheuren Anstrengung bedürfen. Dennoch ist es keine Frage, daß wir in einer Gesellschaft leben, die schon vor langer Zeit den Höhepunkt der Industrialisierung überwunden hat, die zweite Moderne einer Beliebigkeit opferte. Aber warum treten dann einige Architekturtheoretiker und jene, die vorgeben, Teil der Avant-Garde zu sein, wieder in jahrelanges Schattenboxen gegen diese Teile der Geschichte ein?

Wollen wir dieses Spiel nicht mitspielen? Die Ausführung eines „Dieses- & Jenes-Modernismus“ am Hudson, der Süd-und jetzt auch der Nordseite des Mains, der Neuen Hauptstadt und bislang gescheitert im Musterland jedoch ist keiner Apriori-Ernsthaftigkeit adäquat, die in solchen Institutionen des architektonischen Himmels eingebaut ist. Sollen wir auf Kapitale, Kaps (der Hoffnung) oder neue Kapitel zusteuern, wie Jacques Derrida sie erfragte? Blasen und Sphären und Grundstürzendes der Globalisierung, eine neue Mondfahrt für 3 Milliarden Euro in die Innenwelt des Menschen von Peter Sloterdijk? Die Qualität der Beschäftigung eines Klassischen, einer Renaissande von Urbanität und Soziologie liegt jenseits unserer jetzigen Erkundungen: gibt es unterschwellige Elemente im Geschnattere und im Blubbern der Architekturdiskussion, die uns glauben lassen könnte, daß diese besondere Epoche der Alten Welt für kommende Jahre eine stärkere Autorität werden könnte? Heute haben wir Gelegenheit, hochrangige, akademische Projekte zu besichtigen, wozu sich der Satz von Wilhelm von Humboldt aufdrängt: „“In Einsamkeit und Freiheit“ sollten sich die Menschen – an der Wissenschaft – bilden. „Denn nur die Wissenschaft, die aus dem Innern stammt und ins Innere gepflanzt werden kann, bildet auch den Charakter um, und dem Staat ist es ebensowenig als der Menschheit um Wissen und Reden, sondern um Charakter und Handeln zu thun.““ Der Begriff „Karlsruher Schule“, auf die Architektur angewandt, beinhaltet für viele  Themen wie Materialgerechtigkeit, Liebe zum Detail, klare Konstruktion des Bauens. Bau-Konstruktion eben. Zwei grosse Architekten des 20. Jahrhunderts, Oswald Mathias Ungers und Aldo Rossi, haben Meisterwerke für unsere Stadt konzipiert. Das Eine, die Schaffung einer neuen Blockrand-Bebauung, das Andere, eine Formulierung autonomer Architektur, deren  Singularität auf archetypischem Kanon beruht. Beide kann man in die Nähe der Humboldt`schen Maximen ansiedeln, wir kommen zurück zu  diesem. Er konnte Misstände der Aufklärungsuniversitäten durch sein Konzept der mit dem Unterricht gekoppelten Forschung beheben. Inwieweit die festgezurrte Deklaration auf BA und MA hier eine Lösung für die Zukunft bedeutet? Der Schüler wird nicht nur unterrichtet. Durch die Forschung, also durch Teilnahme an der Wahrheitssuche erhält er Handlungsorientierung. Wozu dieser Hinweis auf die Begriffe „Handlung“ und „Gemeinschaft“ ? Nun: Bauen ist Beitrag zur Gemeinschaft, Handeln und Kommunikation werden erleichtern, ja oft dadurch erst ermöglicht. Durch auch noch so kleine räumliche und materialhafte Ausdrucksformen kann Identifikation und damit ein Stück Heimat entstehen. Für die Zunft der Architekten gilt es Theorie und Pragmatik des Zusammenfügens unter alltäglichen Bedingungen wieder in Übereinklang zu bringen. Unterricht und Forschung sollten hier zusammenkommen, Gemeinschaft und Handlungsorientiertheit werden sichtbar und erfahrbar. Es ist nicht die Frage nach der Notwendigkeit einer Nachahmung klassischer Architektur, um der Arbeit der Bauschaffenden einen einfühlsamen Geschmack zu geben, wie es Winckelmann vor zwei Jahrhunderten versuchte darzulegen. Die Menschen, Bauherren, Architekten, Künstler und Ingenieure  in Deutschland und in der ganzen Welt sollte man nicht unterschätzen in Ihrer Intelligenz und ihrer Fähigkeit, im Neuen das Alte profund weiterzuschreiben,  Neues im Rahmen der Gesetze der Architektur zu erfinden. Man sollte sie nicht unterschätzen in Ihrem Wunsch, die Probleme der Zukunft im Heute anzupacken und mit dem Wissen der Alten  zu meistern.

Ein anstehender Diskurs in den Bildern in unseren Köpfen

Ein fast unbeachtetes Colloquium vor knapp drei Jahren im O.M.Ungers-Saal der Badischen Landesbibliothek setzte Lichtpunkte, eröffnete Perspektiven. Überschrift der um den badischen Baumeister Friedrich Weinbrenner sich aufbauenden Veranstaltung, war  „Politik und Ästhetik“. Nach drei Jahren übernahm die Hauszeitschrift der Technischen Universität Berlin das Thema mit einem Bericht über Florian Mausbach, auf den wir weiter unten noch zurückkommen werden. Das Colloquium stand in einer Reihe von Erkundungen zur Transformation der europäischen Gegenwartsarchitektur. In so unterschiedlichen Stationen wie Innsbruck, der Brera in Mailand, dem Kreuzgang des Würzburger Domes, den Galerien Alfred Knecht und von Tempelhoff, dem Haus der Architekten in Straßburg und der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe wurde ab 1998 im Raum der Architektur über Essenzen europäischer Architektur nachgedacht, die sowohl Richtschnur zukünftiger Aktivitäten als auch Beiträge zur Formulierung eines neuen Karlsruher als auch europäischen baukulturellen Bewusstseins sein könnten. Eine kleine Gruppierung, archEtrans, vereinigte und bündelte Kräfte aus dem Bauwesen, der Architektenschaft und der Geschäftswelt. Als weiterreichender kultureller Ansatz der archEtrans-Aktivitäten mag die Europa-Zugehörigkeit in jedem Fall Israels und, durch die bis 2015 beabsichtigte Befriedung Palästinas versuchsweise mit beflügelt, eventuell auch dieses semitischen Kulturraumes gewertet werden. Karlsuhe hat mit dem Thema des diesjährigen Museumsfestes jedenfalls auch hier einen zeitnahen Beitrag, tangential zwar nur, aber bereits geliefert. Bunt und munter. Ist es wert anzusetzen, ob als morphologisch-architektonischer Aspekt das Fundament hellenischer Klassik und die daraus resultierende Fragestellung nach einer neuen Architektur des Übergangs als auch einer europabewussten, regionalen Transformation derer angefragt und bewertet werden kann? Die geplanten Beiträge des Vereins archEtrans in Werkheft05 bis Werkheft09 sind in dieser Perspektive jedenfalls projektiert. Aufgrund grosser Resonanz im Zuge der Bearbeitung wurde das Heft04 erweitert. Stephen Craigs Beitrag steht in der Tradition der Avantgarde architekturbezogener, künstlerischer Reflexionen und Recherchen. Michael Eltrichs Einwurf präsentiert fundierte, strebende  und ausgewogene Praxis in ansehlichem Masstab. Der von Rüdiger Kramm steht in der Pipeline.

Landschafts-,  Dorf- und Stadtbild, Höhe und Tiefe

Gleich zwei Beiträge von Egon Grund ergaben sich, ebenso wie der eine  Hiegel’sche Beitrag zu einer Transformation im Grundriss, der Silhouette, dem Aufriss und des morphologischen Ansatzes, aus der direkten Ansprache Weinbrenner’schen Wirkens. Der vor über 20 Jahren als Ausdruck von Humanität bezeichnete Frankfurter Campanile, ein „Wolkenkratzer“ des Architekten H.R.Hiegel, jedenfalls, steht klar in dieser Linie. Arno Lederes kämpferische Aussagen vor der ArbeitsGemeinschaft Stadtbild und der Verweis in deren Festschrift auf des jetzigen Oberbürgermeisters, Heinz Fenrichs, ehemaliger Zugehörigkeit zur ArGe: Ist dies aufrüttelnd und ermutigend zugleich?  Zwar noch Prolegomena zum avisierten Ziel geblieben, sind neue, bislang unbekannte Aspekte von „Politik und Ästhetik“ bei der Weinbrennerschen Diskussion bereits zum Objekt architektur-theoretischer Ponderation und Begierde geworden. Die Aufarbeitung aber steht aus. Ledoux, der französische Revolutionsarchitekt und Luchao, die neue chinesische Stadt für dreihunderttausend Einwohner, so gross wie Karlsruhe, werden uns zukünftig beschäftigen. Gottfried Leiber’s Einwurf während der Podiumsdiskussion in der Badischen Landesbibliothek  resultiert in einem eigenständigen Beitrag, wie auch Manfred Klinkott seine Exkursion von Weinbrenner zu Schinkel und nach Berlin zwar nur mit einer tangenialen Bemerkung zum dritten ins Auge gefassten und angefragten Baumeister, Leo von Klenze, verfolgt, die letztendliche Fassung aber wiederum zu einem autonomen Beitrag formt. Insoweit besitzt das inzwischen leider vergriffene Werkheft04 einen weit über eine Dokumentation hinausgehenden Charakter, knüpft teilweise an das vor 50 Jahren von Lucius Burckhardt, Max Frisch und Markus Kutter publizierte schmale, rote Büchlein an. Unter der Erkenntnis, dass man dabei war, den American Way of Life zu übernehmen – mitsamt seinem krebsartigen Wuchern der Städte – rieten sie, Lucius Burckhardt und Max Frisch, den städtebaulichen Ernstfall auszustellen.

Die vor kurzem in Karlsruhe stattgefundene Diskussion über verdichtetes Bauen, der vom Stadtplanunsamt eingeworfenen Idee zu Hochhäusern an der Peripherie, an markanten städtebaulichen Punkten, sollte ihr und Ihnen wieder mehr Aufmerksamkeit, mehr Raum, Nachdenklichkeit und Empathie geschenkt werden? Kann eine Diskussion um Luftkrieg, Lufthoheit, um Bombardierung und Flächenbrand strukturelle Ansätze bieten? Oder werden barsche Negationen, hohe Nasen und  kaltschnäuzige Schultern – wir haben es ja immer schon gesagt, die kann ja nichts, sie hat den Mund zu voll genommen, ihre eigene Schuld –   vorherrschen ? Ist die Bebauung des Karlsruher Botanischen Gartens, mitverantwortet ähnlich wie seinerzeit der Hiegel`sche Frankfurter Campanile durch Florian Mausbach, Schlusstrich  und Ende feinsinniger Baukultur?  Nein, die Karlsruher Verfassungsgespräche, inzwischen bundesweit beachtet, sind Anzeichen einer neuen menschenfreundlichen Haltung. Hier, bei dem Ansatz „Baukultur Karlsruhe“, von vielen guten Geistern, Stützen, Köpfen und Menschen getragen. Emanierendes Knüpfen lässt fleissig Zukünftiges erahnen. Neue Streiter des Guten und Bewährten auf alten und neuen Wegen sind mehr als je willkommen. Metanoia!

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