60 Jahre nach dem ersten Läuten von drei Stahlglocken werden im Süden Neureuts neue Glocken klingen.

Gedankenskizze zur Glockenweihe Waldenserkirche Neureut  2012

Die Weihe von Glocken ist ein grosses Ereignis für Gemeinde, Kirche und Nachbarschaft. Viele Gäste sind eingeladen, erwartet und zu verschiedenen Zeitpunkten, in verschiedenen Zeitspannen, anwesend.

Aufnahme von Nordwest 2011, (c) H.R.Hiegel

Drei wichtige Aspekte, Kreise mit unterschiedlichem Durchmesser

1.) Das Sakrale, die Liturgie, das besondere (heilige), ist focusiert auf die Waldensergemeinde. Andere Christen, auch katholische, werden persönlich zur Teilnahme eingeladen.

2.) Die Freude über, der Stolz auf die neuen Glocken wird mit der Öffentlichkeit in der Parochie und darüberhinausgehend, in ganz Neureut, geteilt. Personen aus Politik, Vertreter von, damit Personen aus gesellschaftlich relevanten Gruppen, werden persönlich zur Teilnahme am nicht-liturgischen Geschehen, nach dem Gottesdienst, eingeladen. Ganz wenige über Neureut hinaus.
Aber Teilhabe, Einbeziehung.  Die beiden Einladungen (1. und 2.) sind in einem Schreiben enthalten.

3.) Nach erfolgter breiter Kommunikation (Einladung Titel der „Neureuter Nachrichten“, Pressemitteilungen und Presseberichte usw) entsteht eine neue geographisch uneingeschränkte Öffentlichkeit. Gemeinde, Kirchengebäude, Kirchturm, Glocken, werden neu wahrgenommen.

Gedanke, Stakkato zur gesellschaftliche Segregation, weitere Aufteilung in Arm und Reich

Arme werden Ärmer, Arme werden mehr, Reiche werden reicher, Arbeit wird weniger verteilt, Häme den Armen gegenüber wird grösser. Deren Würde ihnen bereits gestohlen wurde.

Noch vor hundert Jahren hiess ein Stadtviertel, in dem Arme wohnten „Gutleutviertel“ deswegen weil die Reichen sich dann als gute Leute fühlten, wenn sie Gelegenheit hatten, Armen zu helfen. „Gute“ genannt aber wurden die Armen. Ohne deren Existenz hätten die Reichen keine Gelegenheit gehabt, den Armen zu helfen. Man sprach mit den Armen man besuchte die Armen man lud die Armen ein. Dieser Aspekt der Nächstenliebe ist gestorben. Heute gibt es das Prekariat, die sind selber schuld, man streitet lange und in aller Öffentlichkeit, ob man ihnen 5 Euro pro Monat mehr gibt. Man gibt ihnen im wesentlichen eigene Existenz-Bezirke. Eingezäunte Gemeinde, seit Ende der 80er Jahre in den USA auf dem Vormarsch, gated communities, in Russland nach dem Zusammenbruch im Kommen. Noch sind die herrschaftlichen Wohnviertel in Deutschland meist zugänglich, schöne grosse Wohnhäuser im Stadtviertel sichtbar.  Die Zäune sind in Deutschland noch eher unsichtbar aber der Zeitpunkt zur Deutlichkeit ist nahe gerückt. Der gute Gedanke, den Armen Arbeit zu geben wird nicht umgesetzt. Die Arbeitsbesitzer arbeiten gerne auch mal oder oft mehr um mehr Geld zu haben. Umgesetzt wird die Geldverteilung von unten nach oben. In der ganzen Gesellschaft. In vielen Ländern. Prof. Dr. Rademacher, seit 2002 Mitglied des Club of Rome, ist zum Beispiel einer, der dies detailliert, handfest gegründet, mit den der ganzen Gesellschaft dadurch entstehenden Schäden, aufzeigt. Auch Schäden der sozialen Ausgrenzung und resultierende wirtschaftliche Schäden, Schäden an Volkswirtschaften.

Manifestationen im Durchschnitts-Alltag sind nicht  mehr zu übersehen. SUV, der Grosse Wagen. Nicht als Sternbild am Himmelszelt, am Firnament um in die Ferne zu schauen und Sehnsucht zu gewähren sondern um die eigene Grösse, Stärke und Durchsetzungkraft zu demonstrieren. Rücksichtslos. Viele m³ und PS.

Aber gerade die Evangelische Kirche ist durch Massnahmen positiv in der Öffentlichkeit wahrgenommen, die Compassion & Mitleid, statt Häme, Nächsten-Liebe für Aussenstehende darstellen.

Pfarrstellen wurden geteilt damit weniger Pfarrer arbeitslos sind. Freiwillige Abgaben Einzelner  wurden gemacht  (zB 10%) damit junge Pfarrer eingestellt werden konnten. Evangelische Menschen aus der Wirtschaft haben Pfarrstellen mitfinanziert die sonst dem Rotstift geopfert worden wären. Evangelische Christen haben Arbeit abgegeben, damit andere arbeiten dürfen.

Evangelische Christen haben sich zum Bespiel für einen Palästinenser (einen evangelischen Pfarrer) in Bethlehem eingesetzt, damit dieser arbeiten kann. Trotz grossem Widerstand. Sie haben Ghandi gehört. Er setzt sich für das Miteinander von Jude, Christ und Moslem ein. In Bethlehem. Ein badischer Pfarrer wird 2012 als Probst nach Jerusalem gerufen, ein Zeichen der Verständigung und der Kommunikationsbereitschaft.

Evangelische Christen haben (in Pforzheim) gekämpft, dass eine Moschee gebaut werden kann, evangelische Christen sind dafür eingetreten, dass Juden aus Russland hier in Deutschland, auch in Neureut, neue Heimat finden.

Separat stehender Glockenturm (Campanile) in Holtrop – Foto © Frisia Orientalis

Daß evangelische Christen, um Freude an ihrer neuen Glocke bei einer Feier zu teilen, Hemmschwellen heruntersetzen, Nachbarn persönlich mit Namen Anschrift einladen, Juden, Christen, Moslems, Buddisten, Nichtreligiöse, usw, das ist schön, anständig & selbstverständlich.  So geschieht es vielerorts, so geschieht es bei anderen Christengemeinde, so geschieht es bei vergleichbaren Aktivitäten anderer religiöser Gemeinden, so geschieht es im Norden von Karlsruhe, in Neureut und dem jungen Welschneureut, gegründet 1699 von Glaubensflüchtlingen, die hier als neue Nachbarn von den Alteingesessenen, von den Einheimischen, aufgenommen wurden.

H.R.Hiegel, Architekt, Journalist, (c) archEtrans, Kirchenältester Waldensergemeinde, Juni 2012   –  Literatur zum Ernst-vergnüglichen:  „Wandelnde Glocke“ (Goethe)

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